Wie alles begann

„Ich habe ein Versprehen, welches ich einlösen darf.“

„Ich weiß nicht, wie lange Sie noch leben werden. Vielleicht 4 Monate. Vielleicht auch mehr. Feiern Sie aber sicherheitshalber noch Weihnachten mit Ihrer Familie. Es tut mir leid.“

Ich weiß heute, 11 Jahre nach diesem Satz meiner damaligen Onkologin nicht mehr, wo genau ich mich zum Zeitpunkt dieses Gespräches im Brustzentrum befand. Ich weiß nur, wie weh es tat.

Kurz bevor ich das Brustzentrum in Köln betrat, streifte mein Blick noch einmal hinüber zur Tür, die in den gegenüberliegenden Kreißsaal führt. Vor nicht einmal 5 Monaten hatte ich dort meine Tochter geboren und meine kleine Welt war noch in Ordnung. Jedenfalls dachte ich das.

In Wahrheit wucherte schon in dieser Zeit der Knoten in meiner Brust, den ich rein zufällig beim Duschen ertastete. „Hmmm. Was ist das denn? Milchstau?“ dachte ich erst.

Doch nur wenige Tage nach dem ich das Unheil ertastete, versicherte mir mein Gynäkologe am Telefon: „Nein. Leider ist der Befund nicht in Ordnung. Leider ist es bösartig. Sie haben Brustkrebs.“

Ich werde nie vergessen, was ich zum Zeitpunkt gemacht habe, als dieser Anruf kam. Ich saß mit einer lieben Freundin, die extra aus Hamburg mich besuchte in meiner Küche, mein Baby schlief friedlich auf ihrer Decke und wir zwei Frauen aßen Pflaumenkuchen, den ich frisch gebacken hatte und so gern esse.

Nach diesem Anruf ging alles sehr schnell. Damals ahnte ich noch nicht, wie schlimm und wie ernst die Lage wirklich war. Doch schon ein paar Wochen später sagte mir meine Onkologin eben diesen einen Satz: „Feiern Sie noch Weihnachten mit Ihrer Familie.“

Es war der 9. August 2007.

Das alles ist jetzt 12 Jahre her und ja, hier bin ich. Gesund und happy. Ich habe mir mein Leben wieder geholt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich werde nicht alles hier schreiben, was ich in dieser Zeit erlebte. Allein das Wichtigste ist von Bedeutung. Und das Wichtigste für mich geschah in der damaligen Nikolausnacht. Ich lag wegen hohem Fieber und körperlichem Totalausfall im Krankenhaus und auch wenn es mir niemand sagte, so wusste ich doch, dass ich diese Nacht nicht überlebe, wenn nicht ein Wunder geschieht. In dieser Nacht ging ich früh morgens hinunter in die kleine Kapelle des Krankenhauses, weil ich in meinem Krankenbett nicht mehr liegen konnte. Ich war im Schlafanzug und an meinen Füßen trug ich Pantoffeln. Auf dem Weg dorthin traf ich im dunklen Flur eine Ordensschwester, die mich streng ermahnte, ich solle doch bitte das nächste Mal nicht in Pantöffelchen kommen. “ Das nächste Mal komme ich gar nicht“ hörte ich mich frech grummeln und war selbst überrascht, woher dieser spitze Ton von mir kam.

Ich legte mich dann in die stille, dunkle Kapelle auf eine der kleinen Gebetsbänke. Es war so ruhig darin und alles glitzerte schon weihnachtlich. Draussen an den bunten Kirchenfenstern sah ich die ersten Schneeflocken tanzen und alles erschien in einem warmen, roten Licht.

Ich weinte. Ich weinte so sehr um mein Leben, dass mir nun vielleicht nicht mehr blieb. Wie in Zeitlupe lief mein Leben rückwärts an mir vorbei und ich sah die vielen schönen Augenblicke, die ich hatte. Sah mich mit großen Träumen in die Welt ziehen. Sah mich meine Mutter trösten, als ich mich mit 17 Jahren von ihr verabschiedete, weil ich weg wollte aus dem kleinen Städtchen, in dem ich aufwuchs. Und ich sah mich, wie ich als kleines Mädchen mit der Kapitänsmütze meines Vaters auf unserem Boot vorne auf der Bootsspitze saß und die Füße ins spritzende Wasser hielt- wie schön das alles war.

Ich begriff auf einmal, wie wenig ich in Wahrheit dankbar war für das, was ich alles hatte und wie unsinnig manches war, was ich tat. Wie kleinlich alles erschien im Anblick des Todes. Wie unwichtig. Wir Menschen quälen uns so oft mit Dingen, die so unwichtig sind und benehmen uns, als hätten wir endlos viel Zeit. Ich bereute so viele meiner Schritte, bereute, dass ich so viel Lebenszeit vergeudet habe, mit Problemen, die in Wahrheit gar keine sind und mir nun keine Zeit mehr für mein Leben bleiben soll- und diese Erkenntnis tat unendlich weh.

Während ich dort lag und mich vor lauter Angst um mein Leben kaum mehr bewegen konnte, wurde in mir auf einmal eine Stimme ganz laut und sie rief: “ Steh‘ auf. Steh‘ wieder auf. Gib nicht auf. Hol dir dein Leben zurück und dann spring in dein Leben.“

Da war sie. Diese unfassbare Liebe für mein Leben. Diese unbeschreibliche Kraft. Ja, ich wollte leben. Und wie ich das wollte. Ich wollte mein wundervolles, wertvolles Leben zurück.

So stand ich wieder auf. Ich wusste, ich musste springen. Ich musste es wagen, was mir jeder sagte, dass es unmöglich sei und so gefährlich. Irgendwas in mir sagte mir, ich muss mich ein einziges Mal wirklich für mich entscheiden. Für dieses wundervolle Wesen, welches ich bin. Mit all meinen Farben, mit all meinen Narben.

„Ich werde leben. Ich werde alles was ich kann dafür tun, dass ich lebe. Ich werde mir nie wieder von jemandem sagen lassen, das etwas nicht geht oder ich etwas nicht kann. Ich werde nie wieder mein Leben vergeuden für Dinge, die unwichtig sind. Ich werde das Beste aus meinem Leben machen und mich lieb haben, so wie ich bin.“

Und während ich den Sprung wagte, trug mich der Fallschirm meines Lebens. Ich konnte mich beruhigen und zum ersten Mal nach langer Zeit wieder frei atmen. In diesem Moment gab es keinen Raum und keine Zeit mehr. In meiner Erinnerung stand ich Stunden dort. In Wahrheit waren es wohl nicht mehr als ein paar Minuten. Mir liefen Tränen der Dankbarkeit über mein Gesicht. Ich war so dankbar, dass ich diese Liebe spüren darf. Vorbei waren die Tage mit Vorwürfen und der ewigen Suche nach dem Warum. Ich war verliebt in mein Leben.

Ich begriff zum ersten Mal den Sinn meines Lebens und spürte eine so unendlich große Dankbarkeit für mein Sein. In diesem Augenblick spürte ich die Liebe, die mich seitdem nie mehr verlassen hat. Die Liebe, die so viele Namen hat, wie es Menschen gibt. Gott, Karma, höheres Selbst, Buddha, Jesus…

Für mich ist diese Liebe das, was jeder Mensch tief in sich trägt. Diese eine Quelle, die niemals versiegt, in der es keinen Schmerz, keinen Kummer, kein Leid gibt. Die jegliches Gefühl von Einsamkeit und Minderwertigkeit in Fülle verwandelt. Die immer da ist. Dessen Licht ich mir sicher sein kann in der Dunkelheit der Nacht.

In dieser Nacht gab ich mir ein Versprechen, welches einem Ehegelöbnis ähnelt. Ich versprach mir ewige Treue in guten wie in schlechten Zeiten, in Reichtum wie in Armut, in Krankheit wie in Gesundheit. Ich versprach mir, dass ich mich ehre und liebe bis zum Ende meiner Tage.

Und ich versprach mir, dass ich anderen Menschen dabei helfen werde, dass auch sie sich den Sprung in ihr Leben trauen, so dass auch sie diese Quelle der Liebe in sich selbst finden.

Und deshalb gibt es heute Speaker 4 Charity. Ich habe ein Versprechen, welches ich einlösen darf.

SPEAKER 4 CHARITY ist die Erfüllung meines Herzenswunsch …

… und mein Geschenk an meine Tochter Nele.

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